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oder Wertschätzung braucht Wertschöpfung

Alle sind sich einig, wir wollen unsere Lebensmittel besser wertschätzen. Wegwerfen von Lebensmitteln ist out, wir wollen nicht für die Tonne produzieren. Fleischverbrauch soll reduziert werden und Tierwohl sollen besser gehalten werden. Natürlich darf Wasser nicht nitratverseucht, die Bodenfruchtbarkeit erhalten sein und klimafreundliche Produktion ist Pflicht. Lebensmittelproduktion soll selbstverständlich wettbewerbsfähig sein und keine Subventionen kosten. Ach ja, und bitte keine Exporte die schwache Märkte in Entwicklungsländern zerstören.

Gleichzeitig fordern viele Verbraucher billige Lebensmittel, weil das Leben schließlich ansonsten schon teuer genug ist. Wie soll man sich sonst das Leben leisten können.

Die Landwirte sollen selbstverständlich die Auflagen alle erfüllen, denn schließlich bekommen sie ja öffentliches Geld für öffentlichen Nutzen.

Wieso können wir die Lebensmittel nicht wertschätzen?

Man braucht eigentlich nicht mehr, als die obige Aufzählung um über die offensichtlichen Zielkonflikte zu stolpern. Es geht nicht alles gleichzeitig wenn immer weniger bezahlt wird. Weniger als ein Viertel des Lebensmittelpreises kommt heute im Schnitt beim Landwirt an. Wer eine nachhaltige Produktion will muss für diese Prozessqualität zahlen. Aber im Regal entscheidet oftmals der Preis des Produktes und nicht der Herstellungsprozess. Da liegt ein Hähnchen aus Freilandhaltung, ökologisch gefüttert, neben dem Hähnchen aus Intensivtierhaltung mit Soja aus Brasilien gefüttert. Beide erfüllen den Zweck und haben gleich viel Protein, Fett usw. Die Kennzeichnung des Herstellungsprozesses ist nicht verpflichtend und wie soll ein Verbraucher entscheiden können. Die unübersichtliche und teils fehlende Kennzeichnung, zum Beispiel für das Tierwohl, ist das erste Hindernis hin zu einer sinnvollen Wertschätzung.

Aktionen, Supersamstag, alles für die Hälfte

Der zweite Grund für mangelnde Wertschätzung liegt in den unablässigen Angeboten des Handels. Aber warum sind diese problematisch? Der Handel braucht die Lockangebote, Kunden kommen wegen des Angebots und kaufen alles Weitere gleich mit, das lohnt sich für die Händler. Die meisten Verbraucher finden die Angebote eigentlich auch ganz in Ordnung, schließlich kann man ja dabei viel Geld sparen was soll denn daran falsch sein?

Auf diese Weise werden Lebensmittel oft auf Ramschniveau gedrückt und viele Verbraucher kennen den wirklichen Preis der Produkte kaum. Wenn Lebensmittel aber kaum etwas kosten, kann man sie auch wegwerfen, oder kauft schon mal zu viel ein. Es hat ja nichts gekostet. Und so wird zuviel gekauft, weggeworfen oder auch zu viel gegessen, was vielleicht nicht passieren würde, wenn alles ein wenig teurer wäre.

Der Bauernverband führte im Jahr 2016 eine Kampagne durch, bei der Lebensmitteln der Aufkleber „Ich bin mehr wert“ aufgeklebt wurde. Damals betonte der Bauernpräsident „Wertschätzung braucht Wertschöpfung“. Aber was ist eigentlich das Problem, warum klappt das nicht? Und warum kommt beim Bauern immer weniger an, so dass zahlreiche Betriebe um ihre Existenz bangen müssen.

Die Erzeugerpreise bei Schweinefleisch, Milch oder Getreide sind seit Ende 2013 stetig gesunken und haben mittlerweile ein Niveau erreicht, das kaum mehr eine wirtschaftliche Perspektive zulässt. So sagte der Bauernpräsident Rukwied „Schleuderpreise zerstören die Strukturen unserer mittelständischen heimischen Landwirtschaft und konterkarieren alle Anstrengungen, Qualität  in der Lebensmittelerzeugung zu verbessern oder mehr Tierwohl zu erreichen. Auch die Leistungen der Landwirtschaft im Umweltschutz werden in Frage gestellt“. Er betonte zudem:„Um die Situation zu ändern, sind wettbewerbs- und kartellrechtliche Instrumente zur Sicherung fairer Wettbewerbsbedingungen in der Lebensmittelkette nachzuschärfen“

Die Krux mit dem Einstandspreis

Eigentlich dürfte der Handel, bis auf wenige Ausnahmen nicht unter Einstandspreis verkaufen, aber diese gesetzliche Vorgabe wird unentwegt umgangen. Das Kartellamt hätte eine Amtsermittlungspflicht, aber kontrolliert kaum. Warum?

Nun, zunächst einmal ist das mit dem Einstandspreis kompliziert. Der ist nämlich nicht der Herstellungspreis der Lebensmittel beim Bauern. Sondern der Einstandspreis für die Lebensmittelhändler ergibt sich aus der Wertschöpfung in der Verarbeitungskette. Schlachtunternehmen, Wursthersteller, Molkereien, Bäcker, Hersteller von Lebensmitteln, Verpackungsbetriebe, Spediteure, die ihrerseits mit dem Lebensmitteleinzelhandel verhandeln, preisen ihre Leistungen in das Produkt ein. Am Ende müsste ein Lebensmittel also teurer sein, als der Erzeugerpreis beim Landwirt. Und doch kommen bei den Angeboten manchmal Preise zustande, die darunterliegen. Besonders schwierig scheint der Nachweis, dass der Händler nicht doch günstig die Ware erhalten hat. Der Lebensmitteleinzelhändler könnte ja ein spezielles Angebot erhalten haben, oder ein Spediteur ist billiger gefahren, oder die Molkerei hatte plötzlich mehr billige Milch und, und, und.....Das Kartellamt bräuchte hunderte von neuen Mitarbeitern.

Und noch viel mehr Hindernisse: „keine überlegene Marktmacht“

Außerdem sieht das Kartellamt seine erste Verpflichtung gegenüber dem Verbraucher und nicht dem Landwirt. Und für den Verbraucher verbilligt sich die Ware bei Angeboten.

Die Amtsermittlungspflicht beim Kartellamt scheitert bereits am Anfang der Überprüfungskette. Denn das Kartellamt prüft, in der Reihenfolge nacheinander, vier Voraussetzungen: 1.) Überlegene Marktmacht, 2.)Nicht nur gelegentlich, 3.)Unter-Einstandspreis,
4.)Keine sachliche Rechtfertigung.

Das Merkmal der „überlegenen Marktmacht“ liegt aber gar nicht vor, weil die 5 großen Lebensmittelhändler untereinander eine harte Konkurrenz haben und schon ist eine begonnene Überprüfung zu Ende.

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum es politisch schwierig ist, ein sehr hartes Vorgehen zu fordern und das sind die Erzeugnisse und ihre natürliche Haltbarkeit selbst. Stellen Sie sich einen Wochenmarkt vor, bei dem am Ende des Tages die verderblichen Lebensmittel preiswert abverkauft werden. Diese Möglichkeit muss mit schnell verderblichen Waren auch bleiben, weil sie sonst vernichtet werden müssten. Eine zu harte Regelung, könnte also unsere Direktvermarkter selbst treffen.

Trotzdem forderte die KLB am Ende einer langen Diskussion ein generelles Verbot zum Verkauf von Lebensmitteln unter Einstandspreis, die Überprüfung des bestehenden Verbotes sowie entsprechende Sanktionen bei Missachtung. Denn nur wenn Lebensmittel Wertschätzung und Landwirte Wertschöpfung erfahren, können sie klimafreundlich, umweltfreundlich und tierwohlgemäß produziert werden. „Nur wenn ein Umdenken vom billigen Lebensmittel hin zum wertvollen Gut erfolgt, für das wir bereit sind einen fairen Preis zu bezahlen, dann wird sich langfristig etwas verändern.“

Verfasst von KLB-Bundesvorsitzende Nicole Podlinski, 05.11.2017